7 gute Gründe mit dem Sitzen Frieden zu schließen! – 7 good reasons for making peace with sitting!!

falsches_sitzen

Das einzig richtige Sitzhaltung als Reaktion auf den Biologieunterricht 1986

Sitzen kann tödlich sein! Sitzen ist das neue Rauchen!

Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich!
Erich Kästner

Mein altes Biologieheft ist ein wahrer Fundus authentischen Materials, das dokumentiert, wie sich Glaubenssätze entwickeln und unsere Einstellung zu unserem Körper geprägt wird.

Ein spindeldürres Strichmännchen sitzt auf einem viel zu kleinen Stuhl. Die Beine sind gebeugt und haben keine Gelenke. Die Füßchen sind winzig und ohne Ferse, die Oberschenkel gehen direkt in die Wirbelsäule über und der Kopf – viel zu schwer für die dünne Wirbelsäule – liegt vorwärts auf dem Tisch. Ohren hat es nicht. Aber: es lächelt! Darüber ein roter Pfeil. Anklagend zeigt er auf die gerundete Wirbelsäule und konstatiert: „falsches Sitzen“.

So. Das ist also falsch. Aber was ist richtig? Hier überlässt mich das Schulsystem ratlos – zumindest mein Biologieheft gibt darüber keine Auskunft.

Zahlreiche Antworten auf diese Frage hat – hurra – die Wirtschaft! In Gestalt unzähliger Waren und Dienstleistungen bietet sie uns Rettung vor dem langsamenTod am Schreibtisch. „Bürostuhl gegen Rückenschmerzen“ ist eine besonders häufig in den Suchmaschinen eingebene Anfrage. Nicht nur Sex sells. Angst auch.

Angst ist eine schlechte Ratgeberin. Der freie Markt auch.

Ja, wir sitzen sehr viel, und natürlich hat das Auswirkungen auf unsere Körper. Wir ver-körpern unser Leben. Und der im Sitzen verbrachte Anteil hat sich erhöht. Der im Gehen verbrachte erheblich reduziert. Sind wir „damals“ hauptsächlich gegangen, können wir heute fast alles sitzend erledigen. Die Idee des menschlichen Organismus ist Bewegung, Sitzen ist der Inbegriff von Bewegungslosigkeit.

Wenn also der Mangel an Bewegung der Kern des Problems ist, liegen drei Lösungsansätze nahe:

  • Beim Sitzen bewegen. Das nennen wir „dynamisches Sitzen“ und produzieren wackelige Stühle, sitzen auf Bällen und wippen und pendeln und verspannen uns nur noch mehr.
  • Weniger Sitzen. Also produzieren wir Stehtische fürs Büro oder halten Besprechungen im Stehen.
  • Richtig Sitzen. Wir sitzen zwar seit der Einschulung im Alter von 6 Jahren, sind aber so inkompetent, dass wir nicht wissen, wie „richtig sitzen“ geht.

Hand aufs Herz: Funktioniert das bei dir? Bei mir nicht. Und so schleicht sich ein gemeines Schuldgefühl ein, willensschwach zu sein, zu undiszipliniert, zu schwach und blöde zum richtigen Sitzen. Wie dumm bin ich doch, wenn ich weiß, wie gefährlich Sitzen ist, und ich es weiterhin tue? Selbst Schuld, wenn ich einen Bandscheibenvorfall habe – hätte ich nur in der Rückenschule besser aufgepasst! Und mit diesem unverantwortlichen Sitzverhalten liege ich auch noch dem Gesundheitssystem auf der Tasche…

Angst macht bewegungslos und lässt uns zusammensacken.

„Man muß die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.“ Albert Einstein

Es gibt kein „schwarz-weiß“, „richtig und falsch“. Wir sind soziale Wesen, komplexe, lebendige Menschen und vielen Einflüssen ausgesetzt. Ich hoffe sehr, dass meine Liste für das Sitzen dir das Gefühl gibt,  dich in einer langen, spannenden Tradition des Sitzens zu befinden, die sich nicht „mal eben“ wegwischen lässt. Mich hat das sehr entlastet und mein Sitzen verändert. Vielleicht erleichtert es dich auch:

  1. Als stuhllose Nomanden zogen wir einst durch die Welt. Irgendwann wurden wir „seßhaft„, wir be-setzten Land, und wenn wir auf ihm saßen, „be-saßen“ wir es auch. Sitzen ist unsprüngliches „be-sitzen“ – im wahrsten Sinn des Wortes.
  2. Im alten Ägypten saß nur der Pharao. Er hatte den „Vor-sitz“. Gleichzeitig war er der einzige, der nie körperliche Arbeit leistete. Nur so konnte er als Wissensspeicher des Volkes dienen. Wer saß, herrschte.
  3. In der alten katholischen Kirche durfte nur der Priester sitzen, das niedere Volk stand in den Kathedralen. Wer als Mönch oder Nonne im Chorraum die Stehhilfen (Misericordien)  in Anspruch nahm, beging eine Sünde. Deshalb wurden unter den diesen Misericorien zur Abschreckung for dem Hinsetzen furchterregende Monster angebracht. Erst nach der Reformation ab 1517 gab es nach und nach auch Stühle für die Gemeindemitglieder. Wir dürfen also gerade mal seit 500 Jahren alle „auf einer Ebene sitzen“. Das ist eine Errungenschaft!
  4. Das stille Sitzen – die Fähigkeit, nicht jedem Bewegungsimpuls nachzugeben – ist eine enorme zivilisatorische Kulturleistung. Aber sie ermöglicht auch dem Geist, sich über den Körper zu erheben, komplexen Gedanken zu folgen, abstrake Zusammenhänge zu erkennen. Große Philosophische Werke und Literatur entstand sitzend am Schreibtisch. Und in vielen alten Traditionen wie dem Zen und Vipassana liegt Erkenntnis und Erleuchtung in der Praxis des Stillsitzens.
  5. Sitzen ist Entlastung für Füße und Beine. Das war während der Industrialisierung unfassbarer Luxus und damit Ausdruck von Status. Gearbeitet wurde stundenlang im Stehen, an Fließbändern und Maschinen. Selbst die Buchhaltung wurde an Stehpulten gemacht. Wer sitzen durfte, hatte Glück! Jeder Buchhändler und jede Schuhverkäuferin kann heute noch ein Lied davon singen.
  6. Sitzen schafft Augenhöhe, die Art des Sitzens schafft sozialen Zusammenhalt. Als Teenager „gerade zu sitzen“ ist uncool und würde den Rückhalt der Peer-Group gefährden.
  7. Sitzen schafft Vertrauen und Gemeinschaft. „Komm, wir setzen uns erstmal.“ Dieser Satz schenkt Ruhe und stabilisiert. Wenn wir uns „zusammensetzen“ signalisiert das, dass wir uns Zeit nehmen, das wir nicht im nächsten Moment aufspringen und wegrennen. Mit Lehne im Rücken fühlen wir uns sicherer als ohne Rückendeckung.
  8. Sitzen ist bequem, vielfältig und macht Spaß!

Lass dich von Hysterie und Angstmachern nicht anstecken. Lass dir kein schlechtes Gewissen einreden. Lass dich nicht verrücktmachen. Die einzige Person, die das Recht hat, über dein Sitzen zu urteilen, bist du selbst.

Also: Nimm Platz! Entspann dich und lass die Gedanken schweifen. Spür die Entlastung der Beine und fantasiere dich in ein Leben, in dem Sitzen kein Stress ist. Was brauchst du dafür? Möchtest du wirklich weniger sitzen? Oder einfach mehr Gehen? Dann dreh doch heute Abend einfach noch eine stille Runde um den Wohnblock.

Schließe Frieden mit dem Sitzen. Du bist in guter Gesellschaft!

Wenn Du eintauchen willst in die aufregende Geschichte des Sitzens, kann ich Dir nur wärmstens ans Herz legen: „Himmelsthron und Schaukelstuhl – Die Geschichte des Sitzens“ von Hajo Eickhoff ISBN 3-446-17376-5 (nur noch gebraucht verfügbar)

*************************************************************************************************

Sitting will kill you! Sitting is the new smoking!

Let´s face it: The most dangerous threat to life is life itself!
Erich Kästner

My old biology book is a wonderful resource of authentic material documenting how set beliefs are developed and our attitude towards our bodies shaped.

A reed-thin stick figure ist sitting on a tiny chair. The bent legs have no joints. The feet are tiny and without heels, the thighs join directly into the spine and the head – far too heavy for the fragile spine – is laying face forward on the table. No ears. But: it smiles! Above is a red arrow. Accusingly it points toward the rounded spine, stating: „wrong way to sit“.

So. So that´s wrong. But what´s right? The school system leaves me helpless – at least my biology book refuses to give any advice.

But economy – hurray – offers numerous answers to this question. Countless products and services offer to rescue us from the slowly appoaching „death at the desk“. „Best office chair back pain“ ist entered very often into the search engines. Not only sex sells. Fear too.

Anxiety is a poor advisor. The free market too.

Yes, we do sit a lot and yes, it has consequences for our body. We in-corporate our lives. The amount of sitting has increased and the amount of walking decreased. Most of the things we had to walk for can now be accomplished with a mouse click. Yes: the idea of the human organism is movement. Sitting is the embodiment of motionlessness.

So if motionlessness is the core of the problem, there are three obvious ways of solving it: 

  • Move as you sit. We call it „dynamic sitting“ so we produce shaky chairs,  and sitting balls to rock and swing and only get more tense.
  • Sit less. So we produce adjustable high tables for offices and do our meetings standing.
  • Sit correctly. You have been sitting since the age of 5 but you are so incompetent, that you have no idea how to do it correctly.

Let´s face it: Does this work for you? Not for me. And so a sense of guilt creeps under my skin as I must be to weak-minded, not disciplined enough, too weak and too stupid to sit correctly.  How stupid I am, as I know how dangerous it is as I´m continuing to do it. Blame myself for the slipped disc – if I had only exercised more! And with this irresponsible sitting behaviour I am creating costs for the general public.

Anxiety makes us motionless and makes us slump..

A theory should be as simple as possible – but not simpler.“ Albert Einstein

There is no „black and white“, „right and wrong“. We are social beings, complex, alive and under many influences. I really hope that this „pro-sitting-list“ gives you a sense of feeling for the long, exciting history and tradition of sitting. This history is not something we can just wash away. Understanding the cultural importance of sitting was a relief for me and changed my way of sitting. What about you?

  1. As nomads we lived a chairless life moving through the countryside. As we settled we became sedenetary. By sitting on the land we literaly posessed it. The Latin root of all this words is „possidere“ which means „to sit on“.
  2. In old Egyptian times only one person sat: the pharao. He was the chair-man, the pre-sident. Being the only one who never did any physical labour he could serve as a knowledge-reservoir for the people. Who sits, reigns.
  3. In old catholic times only the priest was allowed to sit down. Common people had to stand in the cathedrals. Using the standing aids (Misericordien) a monk or nun in the sanctuary sinned. Therefore ugly monsters were attached beneath this misericordiae to deter sitting down. Only after the beginning of the reformation from 1517 onwards were chairs gradually provided for the parishioners. So it´s only for 500 years that we have all been allowed to sit at an equal level. What an achievement!
  4. Sitting still – the skill of not following every impulse to move – is a tremendous cultural achievement. It allows the mind to transcend over the body, to think complex thoughts, to recognise abstract relations. Important philosophical oeuvres and literature were created sitting at a desk. And in many old traditions as Zen or Vipassana understanding and enlightenment lies in the practise of sitting still.
  5. Sitting is a relief for feet and legs. During industrialization that was great luxury and expressed a high status. At machines and assembly lines work was done standing – for hours and hours. Even the accounting clerks had standing desks. One was very lucky if one could sit down! And every bookseller and shoe shop assistant can tell you about it.
  6. Sitting creates eye level and how you sit creates social bonds. Sitting up straight as a teenager is really not cool and would cost the support of the peer group.
  7. Sitting creates trust and community. „Let´s take a seat.“ This sentence calms and gives stability. Sitting together signals that we are taking time, that we won´t jump and run away in the next moment. The back of the chair is shelter, security and support.
  8. Sitting is comfortable, versatile and fun!

Don´t let yourself be infected by hysteria and scare mongers. Don´t let anyone give you a guilty conscience. Don´t let anyone drive you mad. The only person to judge your sitting is you.

So: Take a seat! Relax and let your mind wander. Sense the relief for your legs and dream yourself into a life without sitting-stress. What would that require? Do you really want to sit less? Or rather walk more? Then go for a quiet walk this evening – right now around the block.

Make peace with sitting. You´re in respectable company!

2 Gedanken zu „7 gute Gründe mit dem Sitzen Frieden zu schließen! – 7 good reasons for making peace with sitting!!

  1. Liebe Steffi,
    es hat mir sehr viel Freude gemacht, deinen Gedanken zum Thema Sitzen zu folgen und mich darin wieder zu finden.

    Wie gut, dass wir die Wahl haben, darüber zu entscheiden, wie und wann und wo wir sitzen wollen.

    Die Alexander Technik hilft mir besonders in den Momenten, wenn die Freiwilligkeit in Zwang übegeht, weil es vermeintlich nicht anders geh,t wir unseren Platz nicht verlassen können, meist aufgrund gesellschaftlicher Zwänge. Dann vollziehe ich eine Innenschau, sortiere mich innerlich neu und nutze meine inneren Sturkturen für eine gesunde Aufrichtung im Sitzen.

    Freue mich schon auf deinen nächsten Beitrag,
    liebe Grüße von einer Kollegin aus dem Norden der Republik
    Astrid Lobreyer

    • Danke, liebe Astrid!

      Ich bin da sehr bei Dir! Vor allem haben wir viel öfter die Wahl, als wir denken…

      Aber ich merke das erst, wenn ich gegen die Tasache meines „sitzenden Daseins“ – z.B. jetzt, während ich schreibe, nicht mehr ankämpfe. Jetzt genieße ich mein Sitzen. Und gleich freue ich mich, wenn ich in die Küche gehe 🙂

      Herzlich grüßt noch weiter in den Norden
      Stefanie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.